Sapiosexualität: “Die Wüste wächst”[Autor: Frederic]

Heute schreibt sich der 21. April, die Sonne blüht, die Blumen scheinen und die Vögel – die vögeln. Sepiagefärbt nehme ich dies, neben anderem, zur Kenntnis und surfe, recht distinguiert, auf einer der unzähligen Elektronspuren, die plötzlich, ganz unverhofft zur Wolke anschwillt, um dann, gleich einem Sternenstrich, inmitten der Augustiner süffelnden Generation-whY-Folks irgendwo am Rande und in der Stadt, zu explodieren; einzig um final viele, kleine und neue (!) Molekularverbindungen in den zum bersten geblähten Abend zu dampfen.

Ohne Umschweife: Es geht um Sapiosexualität. Sapiosexulalität ist eine novelleske Neuerscheinung im ordentlich parzellierten Katalog der “Sexualität und Warenkunde” und klar geht’s dabei auch um Wahrheit, denn von Natur- und anderer Kosmetik, CrossFit und Ben Sherman entstellt normierte Körper sind für Sapiosexuelle im Etwa so stimulierend wie eine aufgeplatzte Bockwurst. Das ist schlicht und einfach wahr – glaubt mir!

Stattdessen dreht sich alles um Intelligenz als sexueller Attraktor, getreu der scheinbar oft vernachlässigten Weisheit, dass doch das Gehirn das größte Sexualorgan des homo sapiens sapiens sei.

“Schlau ist geil!”, so könnte der lakonische Slogan aller Anhänger dieser brandneuen und noch dazu sexuellen Himmelsrichtung lauten, die in der Blogosphäre geboren wurde und auf Dating-Portalen die Schulbank drückte.

Wenn Kotazur feucht werden könnte, und das kann es leider nicht, obwohl es im Namen durchaus eine gewisse Schmiegsamkeit an feuchte Landschaften aufweisen kann, dann würde es jetzt einfach wegglitschen und sich an seiner ureigensten Geilheit erfreuen (Tut es auch, ein bisschen – wenigstens…). “Geil” will hier übrigens – Achtung, unsinnige Klugscheißerei! – in zweifacher Weise verstanden sein: Erstens “geil” in der Bedeutung von “sexuell voll auf Konfrontationskurs mit möglichen Beischlafpartner_innen” und zweitens in der zeitgemäßen Konnotation: “überragend krass und somit attraktiv für andere, aber vor allem sich selbst”. Ja, es stimmt, im Grunde ist Kotazur selbst zutiefst sapiosexuell, zählen doch zu den libidinös besetzten Gestalten des aktual abflimmernden Mediums solch herausragend intellektuelle Beautyqueens wie Immanuel Kant, Theodor W. Adorno und Michel Houllebecq, um mal ein Spektrum möglicher, geistiger Sexiness ad linguam zu umgleiten.

Nun ist Kotazur jedoch und vor allem eines: ein Text. Ein Text des Literaturgenres Satire – was sicherlich eine mögliche Attribution den ontologischen Status unseres Formats betreffend darstellt. Allerdings, wie für jeden genuin Sapiosexuellen leicht ersichtlich, kann von Ontologie indes sinnvoller Weise bloß die Rede sein, wenn die epistemologischen Voraussetzungen der ontologischen Attribution reflexiv einbezogen werden. Wie auch immer, Wesensaussagen, denen es zu eigen ist, auf das Sein zu zielen, scheinen ein schwieriges Geschäft zu sein (ups).

Fangen wir also vorn an, quasi am angeblich äußerem Rand der Epidermis, der doch erst die Möglichkeit eröffnet, zwischen der ehemals sexy Außenseite von der – für Sapiosexuelle jetzt viel mehr sexy – Innenseite zu unterscheiden. Da ist also dasjenige, was wir sehen, die Außenseite: Adrige Bizeps(e), Waschbretter, well formed chests, Birnen- sowie Apfelärsche und nicht zu vergessen wunderschöne Augen. Augen die tief blicken lassen, so richtig tief – das heißt bis in die Seele, so jedenfalls lautet ein weitverbreiteter Topos. Und damit sind wir auch auf der Innenseite angelangt, der erhabenen Einschreibefläche der Seele, des Intellekts und des Geistes. Doch die Vernunft, die muss draußen bleiben, muss sie doch, rein logisch, an anderer Stelle situieren werden, als Gebieterin, die uns eine heuristische Trennung von Innen und Außen zu aller erst nahelegt und auch noch deren Funktionieren garantiert.

Gut, genug der Digression, kommen wir zur “Normierung der Körper”, die es sapiosexuell zu subvertieren gilt. So wird im – von Satire geküsstem – TAZ-Artikel “Schlau fickt besser” konstatiert: “Den normierten Körper weniger wichtig nehmen, darin sind Feminismus und Sapiosexualität deckungsgleich.” (http://www.taz.de/!5292829/) Das findet Kotazur prägnant sexy und würde erneut feucht, oder vielleicht noch feuchter, werden vor immens ansteigender Geilheit, wäre das nicht sau dumm! Ja unterm Strich sogar der brachial subtile Versuch einen schlauen Feminismus zur Wichsvorlage der eigenen autoerotischen Phantasie zu gebrauchen.

Moment! Woher kommt denn auf einmal dieser flach sexualisierende Tonfall, woher die vermeintliche, zwischen den Zeilen erklingende, (moralische) Aggression? Richtig, es geht um “gutes Ficken”! Dirtytalk ist für den Braini, folgt man Katharina S.’ offenherzigen Proklamationen, nicht Kür, sondern Pflicht. Die “Mündliche Prüfung” wird somit instantan ihrer schlüpfrigen Ambiguität beraubt… Ja, bisschen platt, zugegeben, aber was bleibt ist eben die Prüfung. Und ohne Normierung keine Prüfung, doch wird jetzt – wie gesagt brandneu und überraschend – nicht mehr die Außenseite der Epidermis, sondern die beseelte Innenseite zur Klausur gebeten. Dass innere Werte auch von Gewicht sein können, nicht nur Körper, ist, dachte ich bis dato, hinreichend bekannt. Jedoch weniger bekannt scheint es gewesen zu sein, dass Smartness oder dergleichen auch sexy sein können. (Ich möchte an der Stelle auf den Text “Generation whY” auf diesem Blog verweisen, der mit den beinahe prophetischen Worten schließt: “Ich bin smart und kann gut bumsen.” – so viel Autoerotik und Narzissmus gönnt sich Kotazur!) Und die Pointe? Ja, ja, die Pointe, ein Leben für die Pointe… In diesem Falle auch äußerst flach, muss sie doch wie folgt ausgedrückt werden: Der widerständig alle Zeichen desavouierende Sapio verlegt die Normierung der Außenseite schlicht und einfach auf die Innenseite und fühlt sich dabei, dank seines ihm ureigensten Tiefgangs sowie seiner intellektuellen Meisterleistung den Bruch gekürzt zu haben, richtig geil, weil schlau.

Kostprobe? Kostprobe! “‘Intelligenz drückt sich durch Sprache aus’, sagt sie und fügt hinzu: ‘Wenn ich sehe, dass sich jemand mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzt, mit Dingen, die mir wichtig sind, dann hat er mich schon halb.'”

Yeah, Ich, Ich, Mir, Meins, das kleine Einmaleins super geiler Intellektueller! Yeah! Yeah! Yeaaaah!

So viel zur Verbindung von feucht und schlau: “Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!” (Nietzsche – Alter!)

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