Letzte Ausfahrt IKEA: Über Astrophysik und Melanie Müller [Autor: Marvin]

“It’s lonely out in space on such a timeless flight”

Elton John – Rocket Man

I Astrophysik

TV-Dokumentationen über Astrophysik sind böse, trügerische Monster. Spät abends liegt man da und glaubt wirklich, man könne seine kognitive Umlaufbahn verlassen. Eingesogen von den psychedelischen Visualisierungen, verschwörerisch angesprochen von den Erläuterungen der führenden Köpfe der theoretischen Physik, glaubt man tatsächlich, man habe irgendetwas verstanden von schwarzen Löchern, Supernovae oder der allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie. Zu viele Kippen später, zu viele letzte Pils später, zu spät sitzt man in der Kneipe zusammen und raunt seinem Nachbarn zu, was man da erst neulich wieder gelernt hat. „Hast du das eigentlich gewusst?“:

„Stürzt ein sterbender Stern unter seiner eigenen Schwerkraft zusammen, kann sein Kollaps laut Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie ab einem bestimmten Punkt unumkehrbar sein  er ließe sich durch keine bekannte Kraft aufhalten. Dies ist die Geburt eines Schwarzen Lochs: Noch während der Stern weiter in sich zusammenfällt, bildet sich eine kugelförmige Oberfläche, der sogenannte Ereignishorizont, aus und schirmt das Gestirn im Inneren von Beobachtern außerhalb ab. Nichts, nicht einmal Licht oder irgendeine andere Form von Information, kann diesem Ereignishorizont entkommen.“ [http://www.spektrum.de/news/wenn-schwarze-loecher-weiss-werden/1305488]

„Das ist schon krass oder?“ Ereignisschwangerer Blick, ein Nicken, noch eine Kippe. Physik, muss man wissen. Tut man aber nicht. Das einzige, dem man sich am nächsten Tag relativ sicher sein kann: 1. Das Hubble-Teleskop macht echt abgefahrene Bilder. 2. Die Visualisierungskünstler von TV-Dokumentationen über Astrophysik sind sehr harte Kiffer.

Dann, am nächsten Morgen, trinkt man seinen Kaffee, beißt in sein Brötchen und fährt zur Arbeit, um dasselbe auch am nächsten Morgen wieder tun zu können. Das einzige Mal, an dem ich wirklich das Gefühl hatte, genau zu verstehen, was die Relativität der Zeit eigentlich bedeutet, war in Christopher Nolans Sci-Fi Epos Interstellar. Und zwar als Matthew McConaughey, der Sexiest Man Alive 2005, von seinem knapp ein bis zwei stündigen Aufenthalt auf diesem Tsunamiplaneten zurück zum Raumschiff kommt, sein Kollege in dieser Zeit rund 20 Jahre gealtert ist und es ihm dämmert, dass er seine Kinder höchstwahrscheinlich nicht mehr lebend zu Gesicht bekommen wird, falls er es überhaupt nochmal zur Erde zurückschaffen sollte.  Dann schaut sich der Sexiest Man Alive von 2005 die über 20 Jahre lang gesammelten Videobotschaften seiner Kinder an, die mittlerweile schon älter sind als er beim Abflug ins All, und weint. Wow. Erstmal schlucken, deep deep down hat’s mich erwischt, aber ausrechnen kann ich‘s nicht. Verstehen tu ich’s nicht. Begreifen tu ich’s nicht. Was da bleibt, ist die giftige, eklige Gehässigkeit des kleinen Mannes darüber, dass das Denken seine Spuren hinterlässt. Die schlausten Köpfe der theoretischen Physik haben auch ihr Päckchen zu tragen: Der eine ist eine vollfunktionsfähige Krachbummente mit Auto-Tune und der andere, Kip Thorne – der beim Dreh von Interstellar mitarbeitete und darauf bestand, das kein Handlungselement gegen die Gesetze der (theoretischen) Physik verstößt – Kip Thorne, der hat einen Sprachtick, so dass er nach fast jedem Satz ein lautes „Ajeeee“ von sich gibt. Ziemlich irritierend am Anfang. Doch es gibt sie, die Ausnahmen: Zum einen sieht Brian Greene, Forscher auf dem Gebiet der Stringtheorie und Autor erfolgreicher, populärwissenschaftlicher Bücher über theoretische Physik, relativ gut aus. Zum anderen glaubten Forscher bis 1995, dass ein Planet niemals die Umlaufbahn seines Entstehens verlässt. Bis plötzlich ein Gasplanet entdeckt wurde, der dieser Annahme einen Strich durch die Rechnung machte. Das jedenfalls versucht mir Harald Lesch zu erklären.

II Melanie Müller

Melanie Müller wurde am 10. Juni 1988 in Oschatz unter dem bürgerlichen Namen Melanie Blümer geboren. Ihr Mauerblümchendasein streifte der kleine Ostschatz allerdings schnell ab:

Nachdem sie zunächst eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau absolvierte, begann sie 2009, unter dem Namen „Cataleya Young“, eine Karriere als Erotik-Fotomodell. 2011, das ist bekannt, ließ sie sich als „Scarlet Young“ zunächst die Titten auf- und dann auf ihnen abspritzen. Die Karriere schien vorgezeichnet: Vaginal, Anal, Doublepenetration, Black Cock, Double-Anal-Penetration, Gangbang, Blackhole, Alkohol, Herpes, Drogen, Pleite. Doch dann, welch Wunder, die kleine Venus verließ ihre Umlaufbahn. Ihre Zeit als Pornodarstellerin nannte sie „eine Sache, die ich nur kurze Zeit gemacht habe und die nun für mich abgeschlossen ist“.

Zunächst schaffte sie es 2013 im RTL Harem des Bachelors unter die letzten Drei. Und dann, im Januar 2014, ihr größter Triumph: In der achten Staffel von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! verräumte die rustikal-charmante Ostdeutsche die arbeitslose Z-Prominenz von Down Under und erklomm den Dschungelthron. Dabei verstand sie es, ihre Vergangenheit als medienwirksamen Sternstaub einzusetzen. Brisant ihre Offenbarung vor den Urwaldkameras: Als gerissener Vaginalmuli schleuste sie ihre Liebeskugeln per Wurmloch heimlich in das Dschungelcamp hinein. Der Erfolg im Camp öffnete einen Spalt in das Universum der Medien-Maschine: Promiboxen, TV Total Stock Car Crash Challenge, diverse Auftritte bei Markus Lanz sowie eine Musikkarriere. Der kleine Gasplanet hat es geschafft, sie ist der Determination entwischt und hat die Umlaufbahn ihrer Entstehung verlassen. Flieg kleine Venus, bis zur Unendlichkeit und noch viel…

III Last Exit: IKEA. Schwerkraft

Frankfurt am Main: Ich stehe in der U-Bahnstation Holzhausenstraße und zerbreche mir den Kopf über die gestrige N24 Dokumentation „Schwarze Löcher: Eine Zeitreise ins Universum“. Das Hubble-Teleskop macht echt abgefahrene Bilder. Während ich so in Gedanken über die Untiefen des Universums verharre, streift mein Blick flüchtig die plakatierte U-Bahn Wand und was ich sehe, lässt mir die Kippe aus dem Mundwinkel fallen, die ich gar nicht rauche:

Melanie Mülller

 

Melanie Müller. Dritte beim Bachelor 2013. Siegerin des Dschungelcamps 2014. Gast bei Markus Lanz. Stargast auf der Erotik-Messe im Messecenter Rhein-Main bei Hofheim-Wallau. Direkt an der IKEA-Abfahrt. Familienväter werden ihre braunen Plastiktüten ablegen und um ein Autogramm von Cataleya Young bitten. Picklige Buben mit Oberlippenbartpflaum, Schweißfahne und Redtube-Account werden kommen und ihre Smartphones rausholen, um Fotos mit Scarlet Young zu machen. Melanie Müller wird wahrscheinlich nackt sein, ihre mit Silikon gefüllten Brüste, die an gastronomische Käseglocken erinnern, werden unter Hochdruck arbeiten, sie werden mit abwaschbaren Werbebotschaften übersät sein, so wie damals beim Boxer Sven Ottke, der beim Prügeln immer als fleischliche Condomi-Bande diente. Ich aber werde innehalten und zurückdenken an die kurze aber astronomische Karriere der Melanie Blümer, die für einen ganz kurzen Augenblick den Gesetzen der Physik trotzte. Rise high, kleine Venus, entdecke die Möglichkeiten!

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