Von ersten und letzten Sätzen – eine Rezension des gestrigen Erfurt-Tatorts „Der Maulwurf“ [Autor: Marvin]

»Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen« – Michel Foucault

Der erste Satz ist immer ein Geworfensein, ein Geworfenwerden: Pech gehabt, du wirst angefangen! Man wird ausgesetzt, ausgeschieden, noch bevor man sich das erste Mal durch Auswurf des Mekoniums – auch “Kindspech” genannt – von sich selbst unterscheidet, in einem ätherischen Zustand noch, wie nach 15 Doppelkorn bei Manni ums Eck. Bei manchen ersten Sätzen muss ein wenig nachgeholfen werden, bis der Damm endlich bricht. Manchmal kommt auch eine Saugglocke zum Einsatz, eine Art Geburtspömpel, mit dem das Baby fachmännisch in die Welt geklempnert wird. Die sture Welt des 20:15 Uhr Abendprogramms der ARD in weiter Ferne, ist der kleine Schädel noch weich und formbar. Beim Einsatz der Saugglocke kann es mitunter vorkommen, dass der Kopf ein wenig eierförmig wird und aussieht, wie ein postnataler Juggernaut. Aber keine Sorge, das bildet sich wieder zurück:

„Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten, als Brücke dazwischen ist unsere Liebe, sagt der Dichter.“ Im Nachhinein ist es natürlich bezeichnend, dass der erste Satz von „Der Maulwurf“ ausgerechnet eine Grabrede ist, die den US-amerikanischen Schriftsteller Thornton Wilder zitiert. Doch die Gewalt des ersten Satzes kann abgefedert werden, gerechtfertigt gar durch das, was folgt: Biographie als Auffangkissen. Der letzte Satz jedoch – ist der letzte Satz, kein Resetbutton, nein nein, kein Zurücksetzen.

Jeder Mensch, der das Alphabet nicht mit der Buchstabensuppe gelernt hat, wusste eigentlich schon vor dem Ende des Vorspanns, dass es sich beim Bösewicht nur um den autoritären Eierkopf aka Kriminaldirektor Volker Römhild handeln konnte. Die (Achtung Euphemismus!) „Handlungselemente“ kamen dabei als Fertigbausatz direkt aus Mike Krügers Hagebaumarkt: Eine klassische Good Cop/Bad Cop Story: Der Bad Cop Römhild sieht sich aufgrund extremer Geldprobleme genötigt, Schmiergeld vom gewalttätigen Pufflouis Timo Lemke anzunehmen und wird fortan von diesem erpresst, ihm Informationen über bevorstehende Razzien mitzuteilen. Als Maulwurf hat er den anschließend durchgedrehten Polizisten Ingo Konzack von der Planke springen lassen. Alles gut bis dahin, doch nun droht alles aufzufliegen, folglich muss Römhild aufräumen und alle Spuren beseitigen, sogar seine Alte, Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger, soll am Ende weggeräumt werden. Die Geldprobleme des Juggernauts werden mit verpatztem Börsengambling erklärt, das Versagen wird also als private Misere etikettiert und die potentielle Kritik der Institution Polizei elegant durchgestrichen, denn elegant ist hier das Stichwort: Die extrem elegant und gut, sehr gut gekleideten drei jungen Good Cops Funck, Schaffert und Grewel (Wann ist Bewerbungsschluss für die Polizei, weiß das jemand?) stellen die Ordnung wieder her, das Böse wird ins Außen versetzt und der gute, innere Kern der Polizei ist saniert:

Für alle Taumelnden gibt es dann ja noch den letzten Satz. Doch alles der Reihe nach, denn zugegeben: Dass es sich bei diesem Tatort eher um Aussatz handelt, hätte man schon ahnen können, noch bevor der letzte Satz gesprochen war: Es handelt sich um die Szenen, in denen einmal Schaffert und Funck gemeinsam, einmal Funck alleine die resp. den jugendlichen Kiffer, der sich als Sohn von Ingo Konzack entpuppt, aufmischen. Da hat das Didaktik-Komitee der ARD wohl gefordert, dass auch der letzte Almdudler kapiert, dass es sich hier nicht um eine “Reval Ohne” handelt: Da sitzen drei Buben auf der Bank und hören Musik, bei der sich sogar ein H.P. Baxxter am liebsten den Piercing durch die Schläfe hauen würde und rauchen einen – ja was war das eigentlich? Zuerst dachte ich, die Tatort-Requisiteure hätten aufgrund von cineastischer Zitatemanie das Tipi Winnetous aus „Der Schatz im Silbersee“ ausgegraben, dann überlegte ich, ob JK Rowling nicht eigentlich eher so etwas vor dem geistigen Auge hatte, als sich ihr der Name „Nimbus 2000“ aufdrängte. Nicht einmal Startenor Rolando Villazón mit dem Lungenvolumen eines Zeppelins würde dieses Monster bezwingen. – Plötzlich ein Geistesblitz: Es war 1996, der Tag meiner Einschulung. Meine mich liebenden Eltern reichten mir ein solches Ding, darin befanden sich Süßigkeiten, Schreibutensilien und ich glaube sogar – ich bin ein wohlbehütetes Wohlstandskind – ein Gameboy. Geschickt verpackten die Tatortmacher also eine Chiffre für die kindliche Unschuld, die durch das Bombenlegerkraut hinweggerafft wird. Obacht jedoch! Ganz so eindimensional ist es dann doch nicht, denn erstens oder zuallererst ist der zu Unrecht abgesägte Polizist Ingo Konzack Schuld daran, dass sein Sohn lieber Ganja vertickt als zu lernen, denn der Papa redet ja nur noch darüber, dass ihn irgendjemand hinterlistig gelocht hat, anstatt mit seinem Sohn in den Zoo zu gehen. Zweitens outet sich Kommissar Maik Schaffert als Eingeweihter. Kommissar Funck gibt dem Sohn Konzacks seine Visitenkarte, worauf Schaffert „Keinen Filter draus bauen!“ hinterherschiebt. Hat er etwa auch mal? Man weiß es nicht. Eine neue Spezies vielleicht, denkt man da, der verschwörerische Good & Cool Cop.

Falls die Kirche eine ähnliche Technik wir der Weihnachtsmann hat, mit der die Gebete und Wünsche abgehört werden können, dann muss gestern zwischen 20:15 Uhr und 21:45 Uhr ein signifikanter Anstieg der Stoßgebete vermerkt worden sein. Ich selbst habe mich dabei ertappt, wie ich inbrünstig gefleht habe, dass doch endlich Kommissar Nick Tschiller aka Til Schweiger blutend aus einem Helikopter springt und – wir zitieren Tschiller aus seinem ersten Fall namens „Kopfgeld“ wörtlich – “sie alle ficken” tut. Aber so richtig, ohne Filter.

Doch nichts passierte, man erhörte mein Gebet nicht. Stattdessen eine Frage:

Ruckelt und zuckelt es derzeit auch so heftig an ihren Rollläden? Stürmt es bei Ihnen auch so sehr? „Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ (Nietzsche, Der tolle Mensch). Gestern Abend gegen 21:45 Uhr brach es fast meinen Fensterrahmen entzwei, denn in das momentan ungestüme Treiben des Wetters mischte sich noch eine Druckwelle, ausgelöst durch das bundesweite, kollektive Zungenschnalzen ob der letzten Sätze des Tatorts, die am Tag danach wie eine mustergültige Selbstreflexion des zweiten Erfurtstreifens samt Friedrich Mücke als Kommissar Henry Funck erscheinen:

“Fritzenberger: “Wie konnt ich mich nur so täuschen lassen?” Funck: “Wir alle machen Fehler, wichtig ist, daraus zu lernen. Sind Ihre Worte, weiß ich noch als ich in Erfurt angetreten bin” Fritzenberger: “Das wird schon wieder, bis bald. Und danke.”

Der Einschlag war gewaltig, direkt durchs Hirn, das war’s dachte ich, als ich tief in die Matratze sank und –

– wieder erwachte. Wie lang war ich wohl weggewesen? Ich wusste es nicht, aber ich lebte. Ich lebte und begann für diesen Text zu recherchieren und nichts würde mich aufhalten können. Ich suhlte und wühlte mich wie ein Maulwurf in die Annalen der ARD-Mediathek, stieg ganz tief rein ins Archiv und schließlich fand ich ihn: Den Tatort! Ausgemergelt, abgeschleimt, unfähig, über den letzten Satz selbst zu entscheiden. Festgekettet hat man ihn, weggesperrt hat man ihn, zu tief sitzt die Scham ob dieser Missgeburt …Eine menschliche, eine allzu menschliche Gemütsregung umstieg mich, lief mir das Hosenbein runter, was war es? Es war Mitleid. Kopf hoch, wollte ich sagen und hob ihm den Kopf an. Ich sagte dem Tatort, dass alles gut werden würde, es wird alles wieder gut, so wie man das macht, wie ich es in unzähligen Filmen schon gesehen hatte, “Das wird schon wieder, bis bald”, doch der Tatort glaubte nicht mehr daran, er hatte sich aufgegeben und worum er mich bat, verschlug mir den Atem:

2 responses to “Von ersten und letzten Sätzen – eine Rezension des gestrigen Erfurt-Tatorts „Der Maulwurf“ [Autor: Marvin]

  1. Till Schweiger

    Voll doof, dass die Typen in den anderen Tatorten so einen kleinen Pillermann haben, als ich noch für Pornos in Mirkophone gehaucht habe, wusste ich schon, dass meine Filme viel besser sind, als die wo andere machen!
    Meine Kinder sind schon bessere Schauspieler als die! Wenn die Kleine die neue Barbie haben will kann sie so tun, als hätte sie echt Bauchkrämpfe, ich kann das dann nicht ausmachen, ob echt oder nicht, voll stark!
    Und wenn die Kids mal einen durchziehen wollen, was ist schon dabei man, gönn dir doch auch mal was, Honig im Kopf!

    • Ralf Möller

      Echt gut. Ey Till, du alte Puffnudel, fühl mal meinen Bizeps du Krautfurz. Da kann dein durchgedampfter Germknödel nix dagegen, den du da im linken Schlauch hängen hast. Honig im Arm sag ich da, Honig im Arm ;)

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