Exklusiv: Die tragische Wahrheit über Andy Borg [Autor: Marvin]

Es war im Mai, im Mai 2012, Pfingstsonntag 2012, um genau zu sein. Da ereignete es sich: Meine Initiation in die Welt des Schlagers. Ich sah Andy Borg, wie er live im ZDF-Fernsehgarten seinen neuen Hit „Als sie noch Anna hieß“ performte.

Es war ein wunderbares Playback. Ich war überwältigt. Ich schwieg. Ich schwitzte. Ich hatte am Abend vorher mit meinem Compagnon eine Flasche Grappa  in der Gartenlaube meines Großvaters getrunken. Es war ein milder Abend gewesen, die Grillen zirpten, kaum hörbar, dazwischen: Nichts, manchmal die Bahn:

„Als sie noch Anna hieß,

Stand sie am Gartenzaun,

Ich versprach,

Für sie ein gold’nes Schloss zu baun’n.

Ich war der Prinz, der sie träumen ließ,

Als sie noch Anna hieß“

Andy Borg bebt, die Haare, diese Haare, sie flattern und stehen gleichzeitig still. Er steht auf einem Podest. Andy Borg ist klein, aber diese Stimme und der Text, der Text. Anna – Anna…ein Palindrom! Vorwärts und rückwärts gleich, symptomatisch, ein selbstreflexiver Kommentar auf das eigene Medium des Schlagers vielleicht, ein –

„Ich stand wie gebannt vor dem Traumplakat:

Zum ersten Mal singt sie in dieser Stadt,

Karina“

Andy Borg, gelernter Mechaniker, geborener Poet: Nachdem ihn Kurt Feltz, einer der Schlagerproduzenten, entdeckt hatte, ging es für ihn nur noch in eine Richtung:

Goldene Stimmgabel 1983

Zehn Goldene Schallplatten

Drei Platin Schallplatten

Eine Diamantene Schallplatte

Seit 2006 bekanntlich legitimer Nachfolger von Karl Moik als Moderator des Musikantenstadls. Andy Borg, geboren am 2. November 1960 in Wien, steht vor allem für eins: Erfolg.

„Ich versprach,

Für sie ein gold’nes Schloss zu baun’n.

Ich war der Prinz, der sie träumen ließ“

Erfolg, der als Verdienst am Ende einer Gleichung aus einer nie versiegenden Quelle von Talent und harter Arbeit steht. So dachte man über Andy Borg, bisher!

02. November 2014: Ich habe zuviel Grasvoka getrunken, torkle aus der Mona Lisa Bar  taumle, „Ich stolperte, stürzte fast, fing mich fast, fing mich.“ (Rainald Goetz: Rave, S. 90) Plötzlich: Fahrgasse 80, kotzen vor dem „Dippemarkt“:

Ist es die Geselligkeit der Kneipe, die mich dem Sauf hat frönen lassen oder ist es weise Vorsehung, bin ich es gar selbst, der aus der Zukunft das Lokalanästhetikum angeordnet hat, um den Schmerz erträglich zu machen, der mich beim Blick in das Schaufenster des “Dippemarkt” trifft: Er ist es!

Andy Borg

 

Neben der Schlagerikone sein Manager: Mr. Santa Claus, in Schlager- und Volksmusikfachkreisen auch bekannt als: Der Weihnachtsmann, Captain Cool vom Nordpol (Wir erinnern uns: Kokain im Musikantenstadl):

Andy Borg und Manager2

 

Andy Borg: gelernter Mechaniker – gefallener Engel, nur noch ein stiller Poet. Unter dem Pseudonym Dany Grob schuftet der gezeichnete Sozialfall Woche für Woche im “Dippemarkt”, um asiatische Nikonkampftruppen zum Kauf eines originalen Frankfurter “Äppelwoi-Bembel” zu bewegen. Die Arbeitsbedingungen sind dabei mehr als prekär: Neben fettleibigen Gartenzwergen und verlorenen Bambis ist es vor allem der androgyne Försterverschnitt hinter Andy, der ihm zu schaffen macht: Die Pupillen klein wie Nadelköpfe hat er die Crackpfeife stets zur Hand und versucht den einstigen Wiener Volkspoeten ganz in die Vergessenheit zu ziehen, in einen tumb-stummen Zustand sabbernder Dementia, welche droht, ihn, unseren Andy, zu einem ganz normalen Schlagerfan zu machen. Auf Nachfrage von kotazur.de, wie es denn soweit kommen konnte, antwortete Manager Santa Claus zunächst nur mit den gängigen leeren (V)Erklärungsphrasen der Showmaschinerie:

“DAS KOKAIN GOTTES

Mädchen kennenlernen. Drogen nehmen. Musik hören.” (Rainald Goetz: Rave, S. 40)

Richtig, betonte Mr. Claus zudem, zwar habe es das letzte Album Borgs (San Amore, 2014) in Deutschland noch auf Platz 40 und in Österreich auf Platz 4 der Hitparaden geschafft, aber was wäre das heute schon: Das seien vielleicht drei Kartons für die jährliche Alzheimer-Tombola im Kirchenhospiz und noch paar Werbegeschenke für das Jahresabo der “Neuen Post”. Schließlich, auf Druck von kotazur.de, drückte Mr. Claus doch noch die Wahrheit raus – ja, die Schuldigen sind ausgemacht, der Weihnachtsmann glaubt daran: Musikpiraten von Bitterfeld bis nach Somalia sind Schuld an der traurigen Metamorphose von Dany Grob aka Andy Borg.

Wie dem auch sei: Ich denke zurück an Zeiten, in denen es keinen Grasovka und auch den Grappa nicht brauchte, an eine Zeit, in der es keinen Dany Grob geben musste: Ich denke zurück an die Zeit, die ich nicht kenne, die Zeit des großen Durchbruchs, den Song des großen Durchbruchs, ich denke zurück an die Zeit als er noch Andy hieß:

 

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