Warum redet sie so soft über Stille? – Rezension zu: Julia Engelmann, Eines Tages Baby [Autor: Frederic]

Martin Heidegger über die Grundfrage der Metaphysik: “Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?”

 

Eines Tages, Baby - Julia Engelmann Cover

 

Julia Engelmann: “Über stille Poeten.”

 

Der kommende Text rezensiert – in gewohnt seriöser Manier – Julia Engelmanns Lyrik-Band “Eines Tages, Baby”, erschienen im Goldmann-Verlag. Es handelt sich um die 3. (!) Auflage 2014, mit Illustrationen der Autorin und mit nettem rosa Sticker auf dem geschrieben steht: “One Day. Der Poetry-Slam-Smash-Hit mit über 6 Mio Fans auf YouTube”. Nie war die Bezeichnung “Smash-Hit” treffender, nie musste ich im Anschluss an eine Lektüre (und währenddessen) länger in Lethe baden. Es gäbe vieles zu sagen, “was, wahr und schön und wertvoll wäre”[1], da ich prinzipiell das Gute dem Wertvollen vorziehe, werde ich ein wenig über meine außergewöhnlich schwere Biographie schreiben, damit meine Gefühle dem Leser und der Leserin verständlich werden.

 

Und so begann es…

“Ein kleiner Junge, zu groß für sein Alter.

Sein Gang ist schlurfend, seine Haltung gebückt,

man fühlt schon die Blicke der Mütter ihn werten.

Seine Noten sind schlecht, seine Mappen zerknickt.

Seit dem ersten Schultag ist er unterfordert,

niemand hier kann seinen Wortwitz verstehen.

Bauchschmerzen machen das Aufstehen schwer,

er würde alles tun, nicht in die Schule zu gehen.

Man denkt, er sei dumm, sein IQ sagt was anderes.

Ein Underachiever, ein verkapptes Genie, und während Lehrer belächeln und Mitschüler lachen,

betreibt er stille Poesie.”

Dieser kleine Junge, der bin ich! “Nein, ich!”, schrien die andern Jungen damals neben mir. Meine Kindheit war sehr furchtbar, ich war so unwahrscheinlich klug und introvertiert, dass es nicht auszuhalten war. Heute Jahre später weiß ich:

“Es gibt laute Redner und laute Dichter,

Autoren, Sänger und Propheten,

die sich Gehör verschaffen und Zuspruch suchen.

Und dann gibt’s noch die stillen Poeten.”

So starre ich schweigend in mein Glas, 4 Cl Jim Beam, Pepsi Cola, zwei Eiswürfel und eine in der Mitte geteilte Zitronenscheibe. Rauche Haschisch wie es sich auch für Charles Baudelaire und Walter Benjamin geziemte. Zerfurche meine inneren Organe mit der stillen Poesie meiner Existenz. Niemand trinkt, niemand denkt, niemand fühlt so viel wie ich –  allein.

Und manchmal,

wenn du innehältst für einen Augenblick,

um einmal zwischen die Zeilen zu treten,

wenn statt in Gesichter du in Augen blickst,

hörst du sie flüstern,

die stillen Poeten.

Nach dem dritten Glas höre ich sie still wispern, mir sagen: “Brudi, mach die Glotzis auf, die Alte vergewaltigt uns!” Mit einem kräftigen Schluck spüle ich sie runter, wo sie meinen Magen beseelen, um dann nach dorthin zu entschwinden, wo sie sicherlich nicht “[e]ines Tages, Baby[s]” bekommen, die über stille Poeten schreiben. Es ist dunkel, nur die Schreibtischlampe flackert. Vor mir das Glas, hinter mir das Nichts. Und ich sage schweigend: “[A]ber noch kämpft er tapfer dagegen an.” Dabei werfe ich erregt meinen rechten Arm von mir. Mit sanfter Brachialgewalt schleudert er das Glas vom Tisch. Es fällt. Nicht tief, aber ein braun-schwarzer Wasserfall hinterher, zuletzt klatsch eine in der Mitte geteilte Zitronenscheiben würdelos auf den PVC, dann – nichts. Das Eis war bereits geschmolzen.

“Und dann sei doch mutig,

sei doch mutig und reich ihnen dein Ohr.

Was immer sie machen, sie nehmen es wahr,

und in ihnen wächst dieses kleine Gefühl –

jemand, der sie hört und versteht, ist jetzt da.”

Ich lese die Scherben und packe sie auf meine Vileda-Handkehr-Schaufel, wische den Boden. Für einen Augenblick zögere ich, dann der Griff zur Flasche. Jeder Schluck eine Befreiung. Stunden später sitze ich neben besagter Flackerlampe und schreibe die Rezension zu Julia Engelmanns “Eines Tages, Baby.” Der Fußboden klebt wie die Finger an den Tasten.

Tippend: “Julia Engelsmanns Lyrik-Band sollte ein Päckchen Aspirin beigelegt werden! Nie zuvor musste ich mich bei einer Lektüre so heftig besaufen und im Anschluss erbrechen. Nie war ich so verkatert beim Erschreiben des Gesagten. Ich könnte mich jetzt fragen, ob “Stille” eine Chiffre des Engelmanschen Œuvres ist. Ich kann es nicht! Ich kann es nicht, weil ich in diesem Text die absolute Leere, die radikale Negativität erfahren habe. Was Rilke so artifiziell, George so pathosgeladen, Baudelaire so französisch versuchten, gelang Engelmann mit einem Federstrich. Es bleibt zuletzt nur eine Frage offen, was würde geschehen, würde sie tatsächlich schweigen und damit noch mehr sagen als sie bisher schon gesagt hat?”

 

 

 

 

[1] Alle Zitate aus: Julia Engelmann: “Über stille Poeten.” In: Dies.: Eines Tages, Baby. 3. Aufl. München 2014, S. 56-60.

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