Stille Wasser sind – [Autor: Frederic]

 

 

An einem ganz normalen Montagmorgen stehe ich auf, reibe mir die Äugelein und begebe mich mit einer Tasse Kaffee ins Internet, ein bisschen mit der Welt in Kontakt treten, so denke ich. Auf Zeit Online stolpere ich dann über einen YouTube-Link zum neuen Text der Poetryslammerin Julia Engelmann, bekannt geworden durch ihren legendären Auftritt bei Campus TV Hörsaalslam in Bielefeld mit dem Text “One day/reckoning-Text” (6,5 Millionen Likes auf YouTube!). Der neue Text trägt den Namen “Stille Wasser sind attraktiv”. Sie beginnt zu sprechen:

“Meerjungfrauen sind laut Wikipedia Fabelwesen, deren charakteristisches Merkmal eine sogenannte Erlösebedürftigkeit ist.”

Mein Blick wandert sofort zur Zeitanzeige des Videos, 3 Minuten und 56 Sekunden lang – geht… 15 Sekunden später. Ich überlege, ob die Welt dringend mehr pseudopoetisches  Erlösungsgeschrubbel braucht? Gibt es nicht genug davon in der gut sortierten Buchhandlung um die Ecke, Sparte Lebensratgeber? Ich kann da beispielsweise “Der spirituelle Lebens-Ratgeber: Im Einklang mit dem Universum fühlen, denken, handeln” von Diana Cooper, einer prominenten Engelsbeschwörerin, wärmstens empfehlen. Eine spirituelle Anleitung für ein authentisches Leben im Einklang mit den kosmischen Gesetzten des Universums für nur 12,95 – ein echtes Schnäppchen! Nun gut, da Julia Engelmann getan hat, was sie nicht lassen konnte und  Ursula die Meerhexe ihr Geld neuerdings im SM-Studio verdient (und dort Menschen zum Kreischen statt zum Schweigen bringt), kann ich es auch nicht lassen.

Fisteln sind laut Wikipedia nach außen gestülpte Eiterbeutel. Sie können sich aus einem Abszess entwickeln, einem mit Eiter gefüllten Hohlraum im Körper, denn ab einem gewissen Punkt  gibt es zwei Optionen für den Abszess: Entweder er platzt, oder der Eiter wird aus dem Gewebe abtransportiert und eine für alle Betrachter gut erkennbare Fistel beult sich aus dem Körper.

Handelt es sich dabei um die berüchtigte Lippenfistel, dann hilft nur eine Fistulektomie, eine völlige Ausschneidung der Fistel.

Die Erlösungsbedürftigkeit des Fistelträgers ist, allein aus kosmetischen Gründen, offensichtlich. Dennoch ist die Fistel einer möglichen Blutvergiftung wohl vorzuziehen, oder? Dachte wohl auch Engelmann und fistelt nun auf YouTube Meerjungfrauen, die zwar irgendwie nerdig sind (wegen der breitrandigen Brille!), aber keine Hipster (die breitrandige Brille hat eben auch Retrochic). Nicht jeder mit Retrobrille ist ein Hipster, manche sind Nerds, das musste unbedingt mal gesagt werden! “Mono-Klischees” sind eben voll doof – komplizierte Sätze auch! Die kleine Meerjungfrau (im Folgenden Arielle genannt) liest also Bücher und schreibt Texte, wie das Nerds mit Brille nun mal machen. Bei der ganzen Lese- und Texterei hat Arielle ganz viele, ganz tiefe Gefühle, deren Ursache sie nun durch das viele Lesen gefunden zu haben meint. Arielle wispert mit zartem Stimmchen zum Klang des pathologischen Pianos der Verzweifelten, dessen emotive Wirkung auf den Hörer im Etwa so platt kalkuliert ist wie das Erklingen von “Seven Nations Army” der White Stripes in Stephen Sommers “G.I. Joe: The Rise of Cobra”: “Ich bin anders und allein.” Jetzt ist es raus, Arielle hat’s geschnallt! Sie ist einsam und allein, denn niemand würde so einen Sch…

Stopp, jetzt nicht Autor und Text vermischen, da muss man trennen, auch wenn die Mixtur in diesem Fall klar trübe ist.

Arielle hat also erkannt, dass sie anders ist und deswegen allein. Auf den Gedanken ist außer ihr noch keiner gekommen, einfach zu komplex! Doch dann kommt ein brillanter dialektischer Move, der mir die Welt verkehrt, Arielle stellt nämlich fest, dass “wir alle doch anders und dadurch doch wieder gleich sind”. Kaffee schießt mir aus der Nase – ziemlich unangenehm! –, doch die Luft wollte einfach nicht in meinen Lungen bleiben. Ohne Vorliebe fürs Obszöne hätte ich YouTube jetzt wohl geschlossen, was soll ich sagen… es könnte echt an mir liegen. Bin ich herzlos? Aber was soll ich machen, die Message erinnert ein bisschen an Lady Gagas little monsters, nur eben für Mental-Invalide. Halb so schlimm, der Text geht ja noch über zweieinhalb Minuten, wird bestimmt besser.

Und es kommt, wie es kommen muss, Arielle kann alles zuvor Gesagte locker toppen, denn “[e]s geht doch um den Inhalt, vielmehr als um die Form. Es geht doch viel mehr um den Einzelfall als um die Norm. Es geht doch, geht um Fantasie. Und vor allem geht’s ums Was, vielmehr als um das Wie.” (Bei einer solch überragenden poetischen Form ist das irgendwie auch konsequent, und beinahe autoreflexiv…, nicht wahr?)

Noch Fragen?

Ich habe tatsächlich noch eine: Was haben Arielle und Axel Stoll gemeinsam? Kleiner Tipp, sie reden bzw. schreiben nicht beide unter Alkoholeinfluss. Ich spiele mal noch eine Eng… Arielle-Sentenz als Hinweis ein:

“Und es geht nicht drum wie hoch du springen kannst, sondern wie hoch du glaubst, dass du springen kannst.”

Richtig!  “Es geht nicht um Physik, es geht um Fantasie.” Oder rückwärts: “Magie ist Physik durch Wollen”, wie Axel Stoll der ewig besoffene Nazi-Esoteriker nicht müde wird zu betonen. An diesem Punkt angelangt bleibt nur noch eins zu tun: Fistulektomie.

P.S.:  Im “Sub”-Text der betreffenden Fistel geht’s irgendwie ja um Liebe (hach wie schön!) und gibt es etwas liebenswerteres, etwas gefühlvolleres,  etwas einfühlsameres als der Geliebten oder dem Geliebten zu sagen: “Hey du, du bist total lieb und auch voll schön und mir auch super wichtig, aber WIE du dich fühlst, WIE du die Welt siehst, WIE du denkst, interessiert mich einfach nicht, Hauptsache ich weiß WAS du für MICH bist.” Traumpartner! Traumatischer Text, irgendwie… mit viel Phantasie… betrachtet man das Wie.

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